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Charakter in kleine Wohnräume bringen, mit Designer Niklas Mellmann

Charakter in kleine Wohnräume bringen, mit Designer Niklas Mellmann

Ob grosszügig oder klein: Wenn man das Zuhause eines Designers betritt, verändert sich oft der Blick darauf, wie man wohnen kann. In der Zürcher Wohnung des deutschen Designers Niklas Mellmann wird das besonders spürbar. Wenig Platz macht ihn wählerischer – und vor allem kreativer. Er mag reduzierte, vom Bauhaus inspirierte Linien, kombiniert mit einzelnen Momenten von Farbe.

Niklas bezeichnet sich selbst als typischen Stier – und damit auch als geborenen Gastgeber. Genau diese bewusste Art prägt, wie er lebt. Wir besuchen ihn und sprechen über smarte Lösungen für kleine Räume, durchdachte Entscheidungen in Interior und Mode – darunter besondere Vintage-Funde und seine wachsende Sammlung an Designer-Taschen, sorgfältig im Kleiderschrank verstaut – und über die Freude, Menschen bei sich zu haben.

Von Kaira van Wijk. Bilder: Niklas Mellmann

Nur wenige Schritte vom Patumbah Park entfernt, wo im Frühling Kirschblüten den Blick durch die Steinpfeiler rahmen, liegt die Wohnung des vielseitigen Kreativen Niklas Mellmann in einer ruhigen Seitenstrasse. Wir steigen die Holztreppe des Altbaus ganz nach oben. Dort lebt er in einem Loft mit Dachterrasse und Blick über die Stadt. „Wenn die Sonne rauskommt und der Sommer richtig da ist, fühlt es sich hier oben an wie ein kleines Quartier. Niemand ist auf der Strasse, alle sind hier draussen in der Sonne, man reicht sich einfach Drinks weiter.“

So klein die Wohnung in Quadratmetern ist, so clever ist sie gedacht. Dazu später mehr. Von jemandem wie Niklas hätten wir auch nichts anderes erwartet. Nach seinem Studium in Industrial Design in Deutschland hat er sich auf User Experience Design spezialisiert. Daneben unterrichtet er an der Schule für Gestaltung, modelt spontan, nachdem er in einem berüchtigten Zürcher Club entdeckt wurde, gibt Indoor-Cycling-Kurse und bald auch Barre in einem Studio um die Ecke – und teilt online seine Liebe für Mode und Reisen.

An diesem Nachmittag trägt er steife Jeans, ein weisses T-Shirt und ausgewählte Accessoires, darunter einen Loewe-Gürtel. Auf seinen Stil angesprochen, lacht er: „Da gibt es noch mehr. Ich sammle Taschen.“ Er öffnet einen Kleiderschrank und hält eine seiner liebsten Taschen hoch: eine Loewe Puzzle Bag in kräftigem Colour Blocking. Sie wirkt wie ein kleiner Verweis auf das Bauhaus, eine seiner wichtigsten Referenzen – neben einem Coffee Table Book über Ludwig Mies van der Rohe. „Ich mag klare Linien. Und ich finde, das funktioniert besonders gut, wenn der Raum etwas begrenzter ist.“

Trotzdem scheut er sich nicht, die ruhige Basis mit Farbe zu durchbrechen. Vor allem mit einem warmen, ausdrucksstarken Orange, das sich durch die Wohnung zieht: in einem Bild eines Freundes über dem USM Sideboard, in der Artemide Nesso Lampe, in einer gemusterten Decke auf dem schwarzen Togo-Sessel und in einer einzelnen orangefarbenen Mohnblume von Silkhaus. Auf dem Esstisch stehen Tulpen. Niklas sagt: „Man sieht keinen Unterschied zwischen den echten und den künstlichen. Das ist gutes Design. Und das liebe ich.“

Deine Liebe für Design hat angefangen mit …

„Mit Autos, tatsächlich. Schon als Kind haben mich Autos fasziniert. Ich wollte immer Autodesigner werden, das war mein grosser Traum. Ich bin in der Nähe der Stadt aufgewachsen, aus der Opel kommt, und mein Grossvater hat dort gearbeitet. Es war also sehr nah. Nach der Schule habe ich mich damit beschäftigt und bin so auf Industrial Design gestossen. Das fühlte sich breiter und natürlicher an. Heute lebe ich in Zürich und wenn ich darüber nachdenke: Es ist schon eine ziemliche Autostadt. Klassische Porsches, ältere Mercedes, hin und wieder ein Ferrari oder Lamborghini auf der Strasse. Man sieht sogar noch Car Spotter. Irgendwo tief drin ist diese Begeisterung immer noch da.“

Ein Designobjekt, das dich heute fasziniert …

„Jony Ive, der frühere Apple-Designer, kommt mir sofort in den Sinn. Seit er Apple verlassen hat, hat er sein eigenes Studio aufgebaut und macht unglaublich spannende Arbeiten. Vor Kurzem hat er ein Rednerpult für das Auktionshaus Christie’s neu gestaltet. Wie alles ineinandergreift, die Mechanismen, wie sich Teile einklappen lassen – das ist wahnsinnig durchdacht. Diese Tiefe im Denken fasziniert mich.“

Dein Blick auf das Einrichten kleiner Räume …

„Ich glaube, in dieser Wohnung macht der Grundriss schon sehr viel. Es ist ein Studio, aber die Holztreppe zur Terrasse trennt den Wohn- und Schlafbereich ganz natürlich. Ich war immer von klaren, einfachen Linien angezogen, wahrscheinlich durch meinen Hintergrund in Industrial Design. Ich mag Räume, die nicht überladen wirken, nicht zu dekorativ. Und ich finde, genau das funktioniert in kleineren Räumen besonders gut. Gleichzeitig habe ich keine Angst vor Farbe. Das Orange ist fast zufällig entstanden, aber ich mag, dass es gleichzeitig ruhig und energetisch wirkt. Vieles, was ich habe, ist secondhand. Ich finde Sachen auf Tutti, und es gibt diesen tollen Vintage-Store in Wiedikon: 2punkt2. Von dort habe ich das USM Sideboard, so ein Klassiker.“

Wie wählst du Möbel aus, wenn der Platz begrenzt ist?

„In einem kleineren Raum muss man clever sein. Mein Bett zum Beispiel ist ein Gamechanger, weil es Schubladen darunter hat. Man wird gezwungen, praktischer zu denken, aber auch selektiver. Ich könnte viel mehr Designobjekte haben, aber hier muss ich mich für die Stücke entscheiden, die ich wirklich liebe und wirklich brauche. Ich denke auch gerne in Multifunktionalität. Meine Nachttische sind eigentlich Hocker, die übereinandergestapelt sind. Wenn Leute da sind, werden sie zu zusätzlichen Sitzplätzen. Ich hatte schon zwanzig Personen in dieser Wohnung, dann zieht man sie einfach dazu. Es geht darum, ein bisschen kreativ zu sein und nicht alles ganz klassisch zu denken.“

Der Designmoment, auf den du nicht verzichten würdest…

„Ich habe dieses Togo Ledersofa von Ligne Roset schon lange. Ich merke, dass ich mich oft zu Stücken aus den 70ern hingezogen fühle. Ich liebe sie einfach. Es ist nicht das bequemste Sofa, wenn man richtig gemütlich einen Film schauen will. Mit Freunden scherzen wir manchmal, dass es sich zusammen mit dem niedrigen Sessel gegenüber anfühlt wie in einer Therapiesitzung: ‚Erzähl mir von deiner Kindheit.‘“ Niklas lacht. „Visuell ist es aber perfekt für den Raum. Die niedrigen, skulpturalen Linien schaffen eine Art Sitzecke, ohne dass es zu klassisch wirkt. Es ist nah am Boden und lädt fast dazu ein, sich einfach auf den Teppich fallen zu lassen und dort zu sitzen.“

Dein Reisekoffer und diese kleine Louis Vuitton Sporty 30 Reisetasche stehen hier fast wie Ausstellungsstücke. Hast du einen Geheimtipp für eine Reise?

„Letztes Jahr war ich mit einem Freund ziemlich spontan in Dijon. Eigentlich wollten wir nach Paris, aber es war Fashion Week und die Hotels lagen bei rund 500 Euro pro Nacht. Also dachten wir: Lass uns etwas anderes versuchen. Es war eine richtig gute Entscheidung. Von hier aus sind es mit dem Zug nur etwa zweieinhalb Stunden, Richtung Paris, und es fühlt sich wirklich an wie eine kleinere, ruhigere Version davon. Die Architektur ist wunderschön, sehr historisch, aber gut erhalten. Und es gibt so viele gute Restaurants und Weinbars. Es war überraschend lebendig, aber ohne die Menschenmassen. Man muss die Öffnungszeiten etwas im Blick haben, die sind manchmal unberechenbar. Aber genau das macht auch den Charme aus. Es war eine dieser Reisen, die alle Erwartungen übertroffen hat.“

Zu Hause bist du gerne Gastgeber …

„Ja, total. Ich bin wirklich ein typischer Stier, das volle Klischee. Ich liebe es, ein gemütliches, schönes Zuhause zu schaffen und Menschen zusammenzubringen.“

Was bereitest du immer vor?

„Bei Drinks habe ich immer etwas Prickelndes im Kühlschrank. Crémant, Prosecco, Champagner. Ausserdem sorge ich dafür, dass alles für einen guten Dirty Martini da ist, das ist einer meiner Favoriten. Kaffee ist auch essenziell. Ich freue mich am Abend vorher wirklich schon auf die erste Tasse am nächsten Morgen, deshalb habe ich früh in eine gute Maschine investiert. Und ich liebe Vorspeisen. Ich bin total der Sharing-Mensch. Dafür würde ich fast den Hauptgang auslassen. Einfach ein Tisch voller einfacher Dinge: gegrilltes Gemüse, guter Mozzarella, Brot, etwas zum Zugreifen. Es ist unkompliziert, aber es funktioniert immer.“

Wie ziehst du dich im Alltag an – und wie, wenn Menschen zu Besuch kommen?

„Eigentlich verändert sich das gar nicht so stark. Ich trage tatsächlich viele Pieces aus der Damenabteilung. Gerade bei Hosen gehe ich oft dorthin, weil die Passform einfach besser ist, ein bisschen interessanter. Ich würde sagen, in 90 Prozent der Fälle, wenn ich Komplimente bekomme, geht es um etwas aus der Damenabteilung. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter in Paris war und wir am Ende dieselbe Hose gekauft haben.“ Er lacht. „Wir fanden sie beide einfach toll. Sogar bei Basics wie Pullovern gibt es oft kleine Details oder Crops, die man in der Menswear nicht findet. Bei Taschen geht es für mich sehr stark um Handwerk. Ich mag Stücke, die gelebt wirken. Eine gut getragene Kelly steht zum Beispiel auf meiner Wunschliste. Oder diese alte Louis Vuitton aus den 70ern oder 80ern. Es geht immer um Charakter.“