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Leandra Nef über Farbe zu Hause, Mode als Haltung und den Blick für neue Talente

Leandra Nef über Farbe zu Hause, Mode als Haltung und den Blick für neue Talente

Was Leandra Nefs Garderobe an Farbe vermissen lässt, gleicht ihr Zuhause mehr als aus. Die Wohnung der Deputy Editor ist klassisch und zugleich lebhaft – über Jahre hinweg gewachsen, Stück für Stück. Viele Objekte sind Begegnungen mit Designerinnen und Designern oder besonderen Momenten zu verdanken, und jedes trägt seine eigene Geschichte. Sie fühlt sich zu Interieurs hingezogen, die sich erst mit der Zeit erschliessen – Räume, die, ganz im Sinne von René Magritte, zu einem zweiten Blick einladen. Wir sprechen mit ihr über Mode als Haltung statt als Trend, über mutige Einrichtungsentscheidungen, die Logik von Rot – und darüber, warum sie schreibt.

Von Kaira van Wijk 

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Wir stehen in Leandras Schlafzimmer und sprechen über Garderobe und persönlichen Stil, während sie für die Mailänder Fashion Week packt. Da fällt ein Farbakzent ins Auge. Direkt gegenüber ihres Einbauschranks steht ein kleiner Schreibtisch in zartem Bubblegum-Pink. Ein asymmetrisch geformter Silberstuhl, eigens entworfen vom spanischen Designer Jorge Suárez-Kilzi, den sie auf Instagram entdeckt hat und sich auf ihre Grösse anpassen liess, spiegelt ihre zierliche Statur – schlank, aber kraftvoll. Wenn sie nicht unterwegs ist, absolviert sie ihre Workouts mit der gleichen Disziplin, mit der sie Sätze schreibt.

Woran sie gerade arbeitet? «Ich finalisiere ein Interview mit Cecilie Bahnsen», sagt sie. «Eine der herzlichsten Designerinnen, mit denen ich je sprechen durfte.»

Auch die Farbwelt im Raum spielt darauf an: sanfte Rosétöne, kombiniert mit einem leuchtend roten modularen Aufbewahrungssystem, das leicht aus dem Blickfeld gerückt ist. «Das war ein Geschenk meines Vaters», sagt sie. «Und angeblich besagt die Farbtheorie, dass jeder Raum sofort besser aussieht, wenn ein Hauch Rot darin vorkommt. Vielleicht bringt es einfach mehr Leuchtkraft.»

Dann lacht sie. «Lustig, dass du das sagst – ich habe nie daran gedacht, dass es eine Cecilie-Bahnsen-Farbwelt sein könnte. Aber vielleicht ist es einfach ein glücklicher Zufall.»

Ihre elegante Altbauwohnung im Herzen des lebendigen Zürcher Quartiers Wiedikon hat polierte Holzböden und zwei französische Balkone mit grossen Türen, die weit geöffnet werden können und das Licht tief in die Räume tragen. Gleichzeitig ist die Wohnung mit verspielten, eigenwilligen und oft farbintensiven Objekten eingerichtet – von skulpturalem Glas von Helle Mardahl bis zu Besteckdesigns der modernen Klassizistin Louise Roe.

«Eigentlich ist das das Gegenteil davon, wie ich mich im Alltag kleide», sagt sie und knüpft an unser Gespräch über ihre Garderobe an. «Ich liebe Klassiker. Jeans mit einem guten Blazer sind meine sichere Wahl, wenn ich nicht weiss, was ich anziehen soll.»

Sie zieht ein kleines braun gestreiftes Set hervor: eine Bluse mit seitlicher Schnürung und einen passenden Minirock. Ein Hauch von Eigenwilligkeit schleicht sich dennoch immer wieder ein, etwa wenn sie zu einem Lieblingsstück aus der Schweiz greift: schwarze Clogs von Appenzeller Gurt, verziert mit gehämmerten, goldfarbenen Figuren, die alpine Bauern darstellen.

Aufgewachsen ist sie in Luzern, später in Zug, mit Stationen in Winterthur und Wien. Vor sieben Jahren kam sie nach Zürich, nachdem sie zuvor kurz in Australien Englisch studiert hatte. «Meine Familie waren Bauern. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Kind Kirschen gepflückt habe», sagt sie. «Design und Kunst gehörten nicht unbedingt zu meiner Kindheit, obwohl ich finde, dass meine Mutter einen sehr guten Geschmack hat.» Ihre ozeanblauen Augen beginnen zu leuchten, als wir über die Dinge sprechen, die sie liebt.

Du bist gerade ein Stockwerk tiefer in diesem schönen Haus umgezogen …

«Ich habe mich tatsächlich vergrössert und eine Eckwohnung gewählt, weil man im Sommer von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends Sonne hat. Das verändert völlig, wie man lebt. Für mich ist Licht alles. Ich könnte stundenlang Menschen beobachten, und ich habe sogar einen Sommer-Liegestuhl hinzugefügt – ein Schweizer Design von Bogen 33 und H100. Wenn es warm ist, versammeln sich alle auf den Bänken draussen, also habe ich quasi eine private Zuschauerloge. Es fühlt sich ein bisschen wie in Paris an. Und dann sind da noch die Berge – mit dem Uetliberg direkt vor der Tür.»

Was bedeutet Gastfreundschaft für dich?

«Ehrlich gesagt bin ich beruflich so viel unter Menschen, dass ich zu Hause auch gern etwas Rückzug habe. Trotzdem kommen Leute vorbei. Einige enge Freunde – Fotos von einer Reise nach Biarritz mit ihnen, auf Analogfilm aufgenommen und von Bookfactory gedruckt, hängen jetzt über meinem Küchentisch – wohnen im selben Haus und schauen spontan vorbei. Ich habe eine Zuriga-Kaffeemaschine, also kommen die Leute manchmal gar nicht wegen mir, sondern wegen des Kaffees.»

(Lacht.) «Leandra, schön dich zu sehen – aber darf ich kurz deine Kaffeemaschine sehen?»

Das ungewöhnlichste Designstück in meinem Zuhause ist…

«In meinem Schlafzimmer steht eine leuchtend rote Lichtskulptur von Josefin Eklund. Ich liebe sie, aber wenn ich sie abends einschalte, fühlt sich der Raum plötzlich ein bisschen wie eine Bar aus dem Nachtleben an.»

«Ich mag, dass es unerwartet und verspielt ist. Meine Kleiderbügel sind Glasobjekte in kräftigen Farben von der Marke Issu Issu einer Kollegin – sie sorgen für ein kleines Überraschungsmoment.»

Mein Rat beim Einrichten einer neuen Wohnung…

«Sich Zeit lassen. Ich glaube wirklich, dass ein Zuhause langsam wachsen und unterwegs Geschichten sammeln sollte. Durch unsere Arbeit sehen wir jeden Tag so viele schöne Dinge, deshalb warte ich, bis mir etwas begegnet, das sich wirklich richtig für mein eigenes Leben anfühlt. Ausserdem habe ich keine unbegrenzten Mittel, deshalb versuche ich, jedes Jahr in ein besonderes Designstück zu investieren. Ich unterstütze sehr gern lokale Schweizer Designerinnen und Designer, die Herzblut in ihre Arbeit legen. Und dann geht es auch um Freude. Mein USM-Schreibtisch im Schlafzimmer ist eine Sonderedition vom Salone del Mobile. Das Pink hat mich sofort angesprochen. Es spiegelt diese rosafarbene Berg-Steckdose von Gert Wessels, die ich seit fast zehn Jahren habe.»

Gert Wessels ist übrigens ein niederländischer Designer. Und im Wohnzimmer hängt auch ein Bild von Lara Stone – ebenfalls eine Niederländerin…

«Das Lara-Stone-Bild ist eigentlich nur eine herausgerissene Seite aus dem i-D Magazine von vor etwa fünfzehn Jahren, als ich noch Teenager war. Es hing damals schon an meiner Wand. Sie hält diese Weingläser, oben ohne. Ich habe es damals geliebt – und ich liebe es heute noch. Es ist erstaunlich, wie manche Bilder einen ein Leben lang begleiten.»

Wie meine Liebe zu Design begonnen hat…

«Sie war irgendwo immer da, aber sie kam nicht aus meinem familiären Umfeld. Meine Grosseltern waren Bauern, und mein Onkel ist es noch heute. Mein Vater ist Lehrer. Meine Mutter hat sich immer schön angezogen, aber für aufwendige Designstücke war kein Geld da. Unser Zuhause war gemütlich, nicht inszeniert. Über die Jahre hat sie einige Vintage-Objekte gesammelt, darunter einen Lounge-Chair von Le Corbusier, den sie bis heute liebt und ständig benutzt. Schon sehr früh wusste ich, dass ich in diesem Bereich arbeiten möchte. Und selbst als mir alle vom Journalismus abrieten, habe ich mich dafür entschieden. Ich bin froh, dass ich es getan habe.»

Was mich beim Schreiben antreibt…

«Ich arbeite für Annabelle, ein Magazin, das fast so alt ist wie die deutsche Vogue und das immer Kontraste zugelassen hat. Eine Hälfte kann sich ernsthaftem Journalismus widmen, die andere Schönheit, Interieur, Schmuck und Design. Manche finden das schwierig – für mich ergibt es vollkommen Sinn. Beides ist wichtig. Schönheit ist nichts Oberflächliches. Sie gehört dazu, wie wir leben, wie wir mit Dingen umgehen, wie wir durch den Tag kommen. Sie ist wie Sauerstoff.»

Ein Fashion-Moment, der mich geprägt hat…

«Kürzlich war das Rama Duwaji, die First Lady von New York City. Ich schätze ihren Stil sehr – sie sah in einem Editorial für The Cut, fotografiert von Szilvester Makó, unglaublich aus. Aber was mich am meisten beeindruckt hat, ist ihre Haltung. Sie hat eine ganz eigene Präsenz und entschuldigt sich kein bisschen für das, was sie ist. Genau das inspiriert mich immer am meisten: ganz man selbst zu sein – in der Art, wie man aussieht und wie man auftritt. Sie wirkt warmherzig und bodenständig und steht gleichzeitig vollkommen zu ihrer Identität als Künstlerin in New York. Selbst ihre Posts zu verfolgen, besonders die Serie über Dinge, die sie gesehen hat und die sie dazu gebracht haben, Kunst zu machen, hat mich daran erinnert, warum es wichtig ist, etwas Eigenes in die Welt zu setzen.»

Wie ich Farbe und Texturen in Garderobe und Zuhause sehe…

«Sie sind fast Gegensätze. Meine Garderobe ist zurückhaltender – viel Schwarz, Braun und gedämpfte Töne. Ich liebe Klassiker wie einen schönen Kaschmirpullover. Zu Hause will ich etwas völlig anderes. Mein Interieur ist viel verspielter. Eine beige Wohnung würde mir ziemlich langweilig vorkommen. Die meisten meiner Alltagskleider hängen im Schlafzimmer, aber im Wohnzimmer habe ich zusätzlich eine grössere Kleiderstange für Ausgeh-Outfits, neben einem grossen Spiegel.»

Meine liebsten Outfits…

«Für besondere Anlässe habe ich ein kobaltblaues Kleid, das ich ständig trage. Die Farbe ist wunderschön und funktioniert sogar bei Black-Tie-Events. Ausserdem kaufe ich immer wieder Blazer – sie sind so etwas wie meine Signatur. Ein Blazer, schwarze Jeans oder Leggings, ein enges Top, und ich bin fertig. Ich bin eigentlich kein Taschenmensch. Wenn überhaupt, dann etwas Kleines und Hübsches. Ich habe so ein winziges Louis-Vuitton-Täschchen, in das Schlüssel und vielleicht ein Lippenstift passen. Kein Telefon, keine Chance. Sehr minimal – perfekt für einen Abend offline.»

Mein Blick auf Trends…

«Ich folge ihnen nicht aktiv, lehne sie aber auch nicht ab. Ich lasse mich gern von dem inspirieren, was um mich herum passiert. Trends sagen oft etwas über die psychologische Stimmung einer Zeit aus – das kann spannend sein. Manchmal kaufe ich ein Stück, das sehr im Moment liegt. Aber nie, weil es ein Trend ist. Wenn mich etwas wirklich berührt und lange genug bei mir bleibt, dann findet es meist seinen Platz in meinem Leben.»

Ein sofortiges Frühlingsgefühl zu Hause…

«Blumen sind immer der schnellste Weg. Aber ich reise so viel, dass frische Blumen schwer zu pflegen sind. Die Kunstblumen von Silkhaus haben mich wirklich überrascht. Sie sind künstlich, aber man erkennt es kaum. Die Qualität ist wunderschön, und sie bringen trotzdem dieses Gefühl von Frühling – dass sich alles wieder öffnet. Wenn dann noch etwas Sonne durchs Fenster fällt, fühlt es sich plötzlich wirklich nach der neuen Saison an.»

Meine Liebe zu Zürich…

«Ich weiss nicht, ob ich hier gelandet wäre, wenn ich nicht so viel reisen würde. Aber ich liebe es, zurückzukommen. Zürich ist ruhig, organisiert und unglaublich erdend – vielleicht ist das meine Jungfrau-Natur. Von hier aus ist man in drei Stunden in Paris oder Mailand, London ist eine Flugstunde entfernt. Wiedikon fühlt sich wie ein kleines Dorf an. Manchmal denke ich noch an Bondi – die Energie, den Sport, das Surfen – und ich liebe auch New York. In einer idealen Welt würde ich zwischen Orten pendeln: europäischer, italienischer Sommer, Herbst in New York und Winter in Australien. Zürich ist der Anker, der all das möglich macht.»

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